Gedanken zum Film
Interessante Zeiten
«Möge es dir beschieden sein, in interessanten Zeiten zu leben.» So heisst ein altes chinesisches Sprichwort; allerdings ist dies nicht wirklich als Segens-wunsch gemeint...
Wir leben heute zugegebenermassen in sicheren und damit oft in etwas «langweilig» anmutenden Zeiten, mindestens wenn man sie mit vergangenen Zeiten vergleicht, in denen Veränderungen und Umwälzungen auf spektakuläre Weise daherkamen und politische Revolutionen das Leben der Menschen auf viel dramatischere, zumindest offenkundigere Weise veränderten, als etwa die technische Revolution von heute es zu tun vermag.
Nicht selbstverständlich
Der kalte Krieg ist beendet, der Nahe Osten oder sogar das ehemalige Jugoslawien ist «weit entfernt», die Armeen Europas sind beinahe in eine Existenzkrise geraten, da hüben und drüben kaum eine Bedrohung festzustellen ist. (Und die zweifelsohne vorhandenen Bedrohungen sind kaum ein wesentlicher Bestandteil unseres Bewusstseins).
Wir haben das Privileg, in sicheren Zeiten zu leben und unsere Energien auf Handel, Wirtschaft und Kultur zu konzentrieren. Seit bald sechzig Jahren gibt es keinen Krieg mehr zwischen den Staaten in Europa.
Und dabei vergessen wir allzu oft, dass es alles andere als selbstverständlich ist, in solchen Zeiten des Frieden und der Prosperität zu leben. Und allzu oft vergessen wir, dass dies nicht zu allen Zeiten der Fall war. Die Jahre der beiden Weltkriege waren äusserst entbehrungsreich. Und das 19. Jahrhundert war von Armut, Bürgerkriegen, Revolutionen (1847/1848), Kinderarbeit, Fabrikarbeitstage von 12-15 Stunden und von Hungersnöten (1816/17) gekennzeichnet.
Unerhörte Biographien
Ein Ende des 18. Jahrhunderts geborener Innerschweizer etwa hatte durchaus die zweifelhafte Chance, die Hungerjahre 1798/99, die während des Franzoseneinfalls herrschten, als Kind zu erleben, um zehn Jahre später unfreiwillig in Napoleons Armee eingezogen zu werden und auf den verschiedenen, schrecklichen Schlachtfeldern Europas zu kämpfen, um mehr oder weniger gebrochen in ein Leben ohne Chancen und Perspektiven zurückzukehren. 1816 und 17 gab es wieder Hungerperioden, die ihn vielleicht zwangen, die Heimat für immer zu verlassen, um in Übersee ein neues Leben zu beginnen. Und er wird bald festgestellt haben, dass dort weiss Gott auch niemand auf ihn gewartet hat...
Wer weiss, ob nicht einer der eigenen Vorfahren ein derartiges Schicksal erlebt hat. Wahrscheinlich wurde er von den Verwandten und den Nachkommen und schliesslich von der Geschichte irgend einmal vergessen. Und doch steht diese Geschichte da, eine unerhörte Biographie in unerhörten und interessanten Zeiten. Die Geschichte eines Menschen eben, dessen Schicksal es war, in bewegten Zeiten zu leben.
Der unbekannte Onkel
Vielleicht gibt es ihn, diesen unbekannten Urururonkel, von dem man nichts mehr weiss. Und dann und wann tauchen Spuren dieser Vorfahren wieder auf, zufällig vielleicht, oder weil aus irgend einem Grund nach ihnen geforscht wird. Und wie der leider allzu früh verstorbene Berner Troubadour Mani Matter gesungen hat «s chund ufs Mau en Ungglä vürä wo dier nüüt heid gwüsst dervo...»
Luke Gasser
Autor, Regisseur und Co-Produzent von «Fremds Land»
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